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Verwandte in ganz Europa

Ein Text von Stadtheimatpfleger Dr. Alexander Mayer

Das Fürther Stadttheater ist ein herausragendes Bauwerk in Fürth und steht exemplarisch für die Stilepoche des Historismus, die Fürth in baulicher Hinsicht so grundlegend geprägt hat. Das Stadttheater spiegelt die Zeit seiner Entstehung wieder, ist aber auch untrennbar verbunden mit dem Architektenduo Fellner und Helmer, die für stilistische Bezüge in ganz Europa sorgten.

Zeit des Theaterbaus
Die Architekten Ferdinand Fellner (1847-1916) und Hermann Gottfried Helmer (1849 - 1919) wirkten in einem Zeitraum, der sich ziemlich genau mit der Lebensdauer des Wilhelminischen Kaiserreiches deckt. Während die Regierenden schon bald nach der Reichsgründung von 1871 über den kommenden großen Krieg nachdachten, fand das Bürgertum immer mehr Freude an Fortschritt, Wohlstand und Einkommen, mit denen die lästigen, vermeintlich mittelalterlichen metaphysischen Fragestellungen nach dem Sinn unserer Existenz beiseite gedrängt werden konnten. Es war aber auch die Zeit des europäischen Theaterbaus, zwischen 1848 und dem Ersten Weltkrieg entstanden auf dem europäischen Kontinent mehr als 1500 Theaterneubauten.

Fassadengestaltung nach großen Vorbildern
Bis weit in das 18. Jahrhundert - mancherorts bis ins 19. Jahrhundert - hinein zeigten die Theater ein schlichtes und anspruchsloses Gesicht wie das alte Fürther Theater an der Ecke Rosen-/Theaterstraße. Das 19. Jahrhundert verlangte nach ganz neuen Konzepten, das Hoftheater entwickelte sich zum Stadt- oder Nationaltheater. Der Theaterbau stieg erst um 1800 zu einem eigenständigen Bautypus auf, die Fassade sollte den Stellenwert des Gebäudes versinnbildlichen. Gottfried Semper war einer der ersten, der dieses Prinzip zunächst mit dem Ersten Dresdner Hoftheater (1838-1841) und später mit der "Semperoper" (1871- 1878) verwirklichte. Neben der Hofoper in Wien (1861 - 1869) muss als besonderer Höhepunkt sowohl des Historismus wie auch des Theaterbaus die Pariser Oper (1861-1874) von Charles Garnier im neubarocken Stil genannt werden, wohl das prächtigste und mit über 11.000 Quadratmetern das an Fläche größte Theater der Erde, auch wenn seine 2.200 Sitzplätzen von einigen anderen Theatern noch übertroffen wird (z.B. von der New Yorker Metropoliten Opera mit nicht weniger als 3.800 Plätzen). Vor allem die von Garnier aus verschiedenfarbigen Marmor gestaltete, großartige Haupttreppe gilt als Meisterwerk, auch wenn sie auf den heutigen Betrachter etwas arg düster wirkt. Damals galt diese Oper jedoch als Höhepunkt nicht nur des öffentlichen Geschmacks, sondern auch des gesellschaftlichen Lebens, dem denn auch mit einer riesigen Eingangshalle, einem großen Foyer und dem bis zum Dach reichenden Treppenhaus mehr als ein Drittel der gesamten Anlage gewidmet wurde.

Fellner & Helmer
Fellner&Helmer ließen immer wieder Elemente dieser Monumentalbauten in ihre Theater einfließen. Hermann Helmer aus Harburg (heute ein Stadtteil von Hamburg) trat 1868 in das Wiener Büro des gleichnamigen Vaters von Ferdinand Fellner ein, der 1871 starb, so daß Ferdinand Fellner junior das Büro übernahm. Fellner und Helmer begannen jeweils ihr erstes Theater im Jahre 1870, Helmer wurde 1873 gleichberechtigter Partner, im Jahre 1874 verwirklichten die beiden erstmalig gemeinsam in Budapest ein Theater. Innerhalb von nur 43 Jahren entstanden aus ihren Entwürfen 48 Theater in 39 Städten. Der Wirkungskreis wird im Norden von Hamburg, im Süden von Sofia, im Westen von Zürich und im Osten von Odessa begrenzt. Fürth nimmt in der mir vorliegenden Werkliste den 35. Platz ein (nach anderen Angaben Nummer 42), ist also schon fast ein Spätwerk. Fellner&Helmer lieferten Konfektionsware, sie nahmen an zahlreichen Architektenwettbewerbe teil und konnten nur wenige nicht für sich entscheiden. Mit ihrer Architektur von der Stange waren sie konkurrenzlos billig, sie garantierten Qualität bei kurzer Bauzeit. Das Fürther Theater kostete 1,1 Millionen Mark, das große Grazer Stadttheater mit immerhin 2.000 Sitzplätzen 950.000 Gulden, das waren etwa 1,7 Millionen Mark. Insgesamt kosteten sämtliche 48 Fellner&Helmer Theater etwa genau so viel wie die schon erwähnte Grand Opera in Paris (Palais Garnier) mit 2.200 Sitzplätzen. Ob jetzt die Grand Opera oder die 48 Theater von Fellner&Helmer mehr für die europäische Kultur geleistet haben, das möge jeder selbst für sich entscheiden.

Portalbogen aus Paris?
Mit unserem Theater und jenem in Czernowitz tauchte kurzzeitig ein Novum im Schaffen von Fellner&Helmer auf: Ein dominierender Portalbogen, der nicht einem Giebel oder anderen Elementen untergeordnet ist, wie bei einigen Vorgängerbauten. Zufall?
Wohl kaum: Von der Epoche der Impressionisten bis etwa zu Beginn des Zweiten Weltkrieges war Paris die Welthauptstadt der Kunst, und seinerzeit verstanden sich die Architekten noch als Künstler. Die Pariser Weltausstellung war in Europa das gesellschaftliche Ereignis nicht nur des Veranstaltungsjahres 1900, ein architektonischer Höhepunkt dort war das neobarocke Petit Palais (1897- 1900) von Charles Girault mit seinem markanten Bogenportal, mithin ein Hauptwerk des späten Historismus.

Europäisches Theater
Unser Stadttheater ist aufgrund seiner Bezüge ein durch und durch europäisches Theater mit einem Paten in Paris, einem Zwilling in Czernowitz und einem weiteren Geschwister in Gera sowie vielen weiteren Verwandten zwischen dem Schwarzen Meer und der Ostsee, zwischen der Donau und der Spree in Dutzenden Städten. Weiterhin ist unser Theater ein Exponent einer lange Zeit geradezu verfemten Stilrichtung: Vielfach wird der Historismus, der Fürth so durchgehend prägte, geringschätzig betrachtet, weil er kein eigener Stil sei und nur Vergangenes kopiert habe. Aber was kam danach: Anfang des 20. Jahrhundert wurde die Parole "Ornament ist vergeudete Arbeitskraft und damit vergeudetes Kapital" ausgegeben. Dem "Stilchaos" des Historismus folgte der Funktionalismus, die so genannte Moderne Architektur: ein Fortschritt? So gesehen, könnte man den Historismus als letztes Aufbäumen der Ästhetik gegen die Technokratie, dem Funktionalismus interpretieren, wovon unser Theater ein beredtes Zeugnis ablegt. Um den Anblick der Fassade ungestört zu genießen, empfehle ich in den  zweiten Stock des Amtsgerichts zu steigen und das Flurfenster zu öffnen: Die Muse, im Fürther Volksmund Else genannt,, die "siegreiche Macht des Wahren, Guten und Schönen über alle Lüge und Heuchelei", sie hält das Haupt aufrecht ...immer noch.

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